Die agile Agenda der Bundeskanzlerin

Covid-19 ist die perfekte komplexe Bedrohung: Ein zufälliges Ereignis aus dem Reich der Evolutionsbiologie – der Sprung eines wohl bekannten Virus auf den Menschen, die rasante Verbreitung über internationale Reiseströme, stark variierende Krankheitsverläufe mit nur statistisch erfassbaren Risikofaktoren, unzählige voneinander abhängige Einflussdimensionen, die nur noch von den Erklärungs- und Lösungsversuchen übertroffen werden – VUCA in Reinform. 

Unsere Gesellschaft hat in vergleichsweise kurzer Zeit einen Umgang mit der neuen Situation gefunden und sich dabei offensichtlich aus dem agilen Werkzeugkasten bedient. Der zweiwöchige Rhythmus, in dem Maßnahmen durch die Bundesregierung angekündigt und deren Effekte beobachtet wurden, wirkt wie einem Scrum-Lehrbuch entlehnt. Pandemiebekämpfung in Sprints. Iteratives Ausprobieren statt Masterplan. Hat uns Frau Merkel in wenigen Wochen zu einer agilen Gesellschaft durchtransformiert?

Transformation fängt bei der Haltung an. Auf dieser Ebene beobachte ich ein Ringen um eine adäquate Antwort auf die Krise. Auf der einen Seite stehen die Politmanager und PR-Profis der alten Schule: Themen als erste besetzen, mit klaren Positionen in den Wettbewerb um die beste Lösung treten, Alternativen argumentativ demontieren. Sichtbarkeit ist die Hauptwährung in diesem Spiel, die eigene Kompetenzbehauptung muss ständig aktualisiert und gegen Angriffe verteidigt werden. Denn nur, wer für kompetent gehalten wird, darf Entscheidungen treffen.

Auf der Seite der Bürger sehnen sich viele nach solchen klaren, schnittigen Ansagen. Nach einem oder einer, die voran geht und allen sagt, wie es geht. Das entlastet, denn je klarer der Rahmen gesetzt wird, desto weniger muss man selbst nachdenken. Was aber, wenn eine recht zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Bekämpfung der Krise genau darin besteht, dass alle selbst nachdenken und damit Verantwortung übernehmen?

Diese Frage steht wohl ganz am Anfang eines anderen politischen Führungsstils, der in der Krise deutlich auszumachen ist. Angela Merkel hat es anderen überlassen, sich als erstes auf der politischen Bühne zu positionieren. Sie hat zugesehen, wie unterschiedliche Ansätze vorgestellt und diskutiert wurden und sie hat zugehört. Diesen Schwebezustand hat sie lange ausgehalten, bis sie sich schließlich doch mit einer klaren Botschaft an die Bürger gewandt hat: Es gibt keine einfachen Lösungen. Alle müssen zusammenarbeiten, um effektive Maßnahmen zu entwickeln und auszuprobieren. Alle sind verantwortlich.

Dieser offenen Unsicherheit auf der inhaltlichen Ebene setzt sie Klarheit im Prozess entgegen: Alle zwei Wochen wird es neue Informationen geben, werden Maßnahmen auf Basis neuer Daten getroffen, evaluiert und angepasst. So lange die große gemeinsame Linie eingehalten wird, lässt sie den Ländern große Freiheiten in der Ausgestaltung der konkreten Reglungen. Zwar beklagen viele Medien den entstehenden Flickenteppich in Deutschland, unter dem Strich entwickelt sich die Pandemie jedoch deutlich harmloser als prognostiziert. Inzwischen ist die Verantwortung für die Öffnung der Einschränkungen zu großen Teilen auf die Länder übergegangen.

Ich möchte daran glauben, dass es zwischen diesen beiden Beobachtungen einen Zusammenhang gibt. Dass eine auf viele Schulten verteilte Verantwortung die beste Antwort auf komplexe Probleme ist. Wenn viele Menschen mitdenken und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, im eigenen Umfeld eigenständig zu entscheiden – egal ob das eine Landesregierung, eine Kommunalverwaltung, eine Pflegeeinrichtung, die eigene Firma oder schlichtweg die Familie ist – wird das langfristige Ergebnis einer zentral entwickelten Lösung überlegen sein, spätestens dann, wenn man die Akzeptanz bei den Betroffenen mit einrechnet. 

Diese Eigenverantwortung entsteht dort, wo es gelingt den paternalistischen Reflexen zu widerstehen und eben nicht einfachen Lösungsversuchen und beherzten Anführerallüren zu erliegen. Ein gutes Indiz dafür ist die Tatsache, dass die Länder mit den positivsten Infektionsverläufen von Regierungschefinnen geführt werden, die beobachtbar seltener unter Paternalismus leiden als ihre männlichen Kollegen. Eigenverantwortung lässt sich nicht verordnen, sie muss aus dem Herzen kommen.

Gleichzeitig braucht es zentrale Verantwortung, um den Rahmen zu stecken, in dem Eigenverantwortung stattfinden kann. Es braucht eine Instanz, die die unterschiedlichen Interessen moderiert und zu Wort kommen lässt und sich dabei selbst nicht zu wichtig nimmt. Und es braucht mutige und zuweilen polarisierende Köpfe auf allen Ebenen der Peripherie, die gestalten und ausprobieren wollen und dadurch neue Erkenntnisse generieren. 

Ja, im wirtschaftlichen Kontext nennt man diese Haltung „agil“ oder „dienende Führung“. Ich sehe durchaus die Chance, dass die kollektive Corona-Erfahrung uns auch auf gesellschaftlicher Ebene dazu bringt, althergebrachte Muster zu hinterfragen und neu zu bewerten. Wir werden die Welt nach Corona mit offeneren Augen betrachten können als davor und dadurch ein Stückchen mehr Realität und Pragmatismus zulassen können. Und wenn wir das mit dem politischen Paternalismus gelöst haben, können wir uns vielleicht auch noch zwei weiteren politischen Fragen widmen, die bisher zu kurz gekommen sind: Was sagen eigentlich all die schlauen Frauen, die gerade nicht Bundeskanzlerin sind? Und warum begegnen wir einer internationaler Pandemie eigentlich nicht international?