#2: Notbremse im goldenen Hamsterrad

Was mich berührt und in seiner Deutlichkeit fasziniert – vielleicht auch deshalb weil ich als Psychologin solche Phänomene einfach spannend finde: neben meinen persönlichen Shutdown-Beobachtungen mehren sich Studien dazu, dass Menschen – vermutlich diejenigen, die genug oder mehr Geld haben, um diese Krise zu bewältigen – offenbar im Corona-Shutdown zufriedener sind als vorher. Der Corona-Shutdown scheint zumindest auf einer sehr wesentlichen Dimension eine Lösung für ein gesellschaftliches Problem zu bieten:

Zu VIEL von allem, eine Welt der Superlative: Konsumüberschuss, eine Flut an Möglichkeiten und die Qual der Wahl, Arbeitshamsterräder, maximale Transparenz des eigenen Tuns über Social Media bis hin zur völligen Überforderung – und ein wahnsinniger Erwartungsdruck. Und nicht nur zu VIEL von allem sondern auch zu SCHNELL mit allem. Lichtgeschwindigkeit! Heute in Asien, morgen in den USA, übermorgen in Australien. Ein Projekt jagt das andere. Die Wochentage eilen an einem vorbei, die Jahre fliegen. Man könnte fast meinen, man sieht als Zuschauer das eigene Leben an sich vorbeisausen, und zwar im Schnelldurchlauf. Nur der Spiegel verrät schonungslos, dass das Lebenszeit ist, die da auf der Überholspur Richtung Horizont rauscht. Und die Stimmung: Burnouts und Depressionen haben Hochkonjunktur. Und jetzt, im totalen Shutdown war die Stimmung – wider Erwarten – besser als sonst. Deutlich besser als sonst. 

Ich schreibe hier explizit nicht über die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und vor dem existenziellen Aus stehen. Auch nicht über diejenigen, die mit ihren Jobs das gesellschaftliche System am Laufen halten und sich jeden Tag gesundheitlich exponieren (müssen). Ich schreibe über ein Problem, das im Angesicht der Krise vielleicht gar keines ist und von jenen, über die ich nicht schreibe, treffend als Luxusproblem bezeichnet werden könnte. Ich schreibe über Menschen im goldenen Hamsterrad. Der eine oder die andere mag sich hier vielleicht wiedererkennen. 

Es ist nicht verwunderlich, dass durch den erzwungenen Rückzug ins Homeoffice etwas mit der Stimmung passierte: Krasse Entschleunigung, weniger soziale Kontrolle, weniger Exponiertheit, weniger Erwartungsdruck von außen und innen, weniger Zeitdruck, weniger zwischenmenschliche Auseinandersetzungen, um nur einige der offensichtlichen Effekte zu nennen. Plötzlich durfte man raus aus dem Hamsterrad. Vor dem Shutdown war vielen gar nicht bewusst, dass sie sich in einem solchen befanden. Der Rahmen war gesetzt und hat funktioniert, sowohl in der Arbeit als auch zuhause. Kinder wurden in Kita und Schule betreut. Arbeit war halt Arbeit: Viele sinnfreie Meetings, Projekte, die zu wenig an Nutzer und Kunden orientiert und damit im Ergebnis oft wirkungslos sind, altbackene Strukturen, die die Zusammenarbeit und das menschliche Miteinander behindern. Wenig echte Wertschätzung, kontinuierliche Bewertung der Leistung des Einzelnen. Aber gutes Geld. Und jetzt? Der bekannte Rahmen wurde durch Corona gesprengt. Oder anders: Man wurde hinausgeschubst aus dem goldenen Hamsterrad. Erstmal Entsetzen. Und dann, nach ein paar Wochen? Niemand guckt im Homeoffice über die Schulter, niemand dreht am Hamsterrad, die Kinder sind zuhause, man läuft sein eigenes Tempo. Man darf Mensch sein, Kinder, die durchs Bild huschen sind normal. Man kann neben einem Telefonat Wäsche aufhängen, kochen. Zeit lässt sich selbst einteilen. Überhaupt ist Home-Office salonfähig. Egal wo man arbeitet und wer arbeitet: Man schafft was man schafft und vertraut darauf, dass Menschen ihr Bestes geben. Man hält zusammen, auch wenn – oder gerade weil – einem die Sch*** bis ans Kinn steht. Leben und leben lassen ist die Devise. Die Menschen tun nun etwas, das sie schon lange nicht mehr tun mussten: sie halten inne und handeln wieder selbstbestimmt. Das tut gut! Die Krise bringt uns näher an den Kern, den Sinn. Viele Menschen scheinen den Kontakt zum Sinn der Arbeit verloren und es nicht bemerkt haben: Gefangen in einer selbstgewählten Arbeitsrealität von scheinbaren Wichtigkeiten. Nun sind wir gezwungen, langsamer zu gehen, zu priorisieren, zu hinterfragen, uns auf Neues einzulassen und auszuprobieren. Der Effekt auf die Stimmung ist positiv: eine Befreiung aus dem goldenen Hamsterrad. Echt ich sein dürfen. 

Zumindest das ist an der ganzen Corona-Misere positiv: Dass die Menschen Zeit zur Besinnung hatten, Zeit zum Innehalten. Zeit für einen unverschleierten Blick auf die eigene Selbstwirksamkeit. Vielleicht ist das der Anfang für eine Neubewertung. Für Veränderung. Meine große Hoffnung ist, dass davon auch in einer Zeit nach Corona etwas übrig bleibt und das wiederum Einfluss nehmen wird aufs Weltgeschehen. Die Erkenntnis, dass weniger mehr ist, oder dass bestimmte Arbeiten gar nicht benötigt werden, dass Arbeitskraft anders eingesetzt wirksamer ist oder dass es eigentlich um andere Dinge geht im Leben, als man bisher dachte. Oder die Möglichkeit, wieder in einem ganzheitlichen Rahmen zu denken, Arbeit als einen Baustein in einem größeren Gefüge zu schätzen, der nicht für sich allein stehen kann und soll.

Wenn viele Menschen im Corona-Shutdown zufriedener auf ihr Leben gucken als vorher, frage ich mich natürlich, ob das bei mir auch so ist. Die ernüchternde Antwort ist nein. Mein Arbeitsleben war vorher schon weitestgehend selbstbestimmt und ich darf mich mit all meinen Facetten einbringen. Ich weiß um den Wert von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Meine Work-Life-Balance war im Gleichgewicht, bevor Corona kam: Das Ergebnis eines Prozesses, der viel Reflexion und immer mal wieder Innehalten und vom Weg abzweigen erforderte. Die Balance aus Familie, Ich-Zeit und Arbeit war gut. Seit Corona fehlen mir definitiv Zeit für mich und eine gewisse (Arbeits-)Normalität. 

Aus dem Gefühlsdickicht der letzten Wochen tut sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit hervor. Das war auch vor Corona schon da, wird aber nun umso deutlicher: Ich bin dankbar für die vielen Menschen da draußen, Kollegen, Freunde, Kunden und Familie, die mit einer ähnlichen Haltung auf die Welt gucken und mir die Ehre erweisen, im Austausch zu sein und gemeinsam über den Tellerrand zu schauen. Nach fast 6 Jahren Experimentier-Manege in der VUCA-Welt bei Summer&Co fühle ich mich bereit für Veränderung. Die Ungewissheit darüber, was morgen kommt, hat ihren Schrecken verloren. Das hört sich vielleicht banal an, ist es aber kein bisschen: Ich war so gut vorbereitet, wie es eben geht. Natürlich bleiben Ängste, aber es fällt mir leichter damit umzugehen. Und ich fühle mich frei.